Ein Bericht von Micha Müller
Kalt war’s, nass war’s und alles andere als bequem war’s zudem auch noch. Kurzum, das hätte ich gestern Abend am Stammtisch besser haben können inkl. netter Leute. Aber schweren Herzens musste ich gestern Gerds Einladung zum Stammtisch kurzerhand wieder absagen, nachdem ich ihm kurzfristig vor 2 Tagen meine Zusage gegeben hatte. Ich bin viel zu selten in Gmünd und noch seltener bieten sich ideale Mond- und Wetterverhältnisse an. So bin ich mit einem weinenden und lachenden Auge gestern beobachten anstatt zum Stammtisch gegangen. Ich hoffe, ihr hattet ein schönes Beisammensein und konntet euch gut austauschen.
Nach getaner Arbeit in meinem Remote Office in Schwäbisch Gmünd packte ich meine Gerätschaften ins Auto und fuhr mit 3 Paar Socken und mehreren T-Shirts und Pullover sowie Winterjacke am Leib ins schwäbische Outback, an meinen Platz bei Bühlerzell. Ich kam um 19.15 Uhr an, baute innerhalb von 30 Minuten auf und freute mich, dass ich bereits ein paar Tage zuvor den 18″-Dobson in der Garage nochmal bei Tageslicht grundjustiert hatte. Vorwiegend der Fangspiegel wollte wieder unter dem Okularauszug neu ausgerichtet werden.
Die Wetterbedingungen waren also sehr gut, keinerlei Bewölkung am Himmel, bei +4° begann ich um 20 Uhr zu beobachten. Mein erstes Objekt war der Orionnebel, besser das Oriontrapez, um die Himmelstransparenz zu prüfen. Die Komponenten E unf F waren mühelos zu sehen. So gleich widmete ich mich dem Orionnebel und schaute ihn mir ausgiebig mit verschiedenen Vergrößerungen an. Wie immer ein wunderschöner, plastischer Anblick.

Danach ging ich zu meinem Plan über. Inspiriert durch die Ausgabe Astronomie – das Magazin, Nr. 55, habe ich mich diesmal u.a. der „Wintergiraffe“ (Camelopardalis) gewidmet. Für insgesamt 5 Objekte habe ich mir ausreichend Beobachtungszeit genommen:
NGC 2403 (Cam), Galaxie, 14m2, 10 Mio. Lj, 230x
Eine Galaxie, die recht flächig und ohne definierten Kern erscheint. Vier Sterne schmiegen sich in einer mehr oder weniger geraden Kette südlich an die Galaxie an, wobei einer der schwächeren Sterne südwestlich vom hellsten Bereich der Galaxie berührt wird. Die Galaxie scheint sich noch weiter in Richtung Westen bis zum übernächsten recht hellen Stern der Kette zu erstrecken. Das sollen laut dem Deep Sky Reiseführer Spiralarme sein, die ich als solche aber nicht erkenne. Auch im südlichen Teil der Galaxie (südlich der Sternkette?) sollte laut Reiseführer ein aufgehellter Knoten sichtbar sein, den ich aber nicht erkennen konnte. Dennoch war das ein schöner Anblick einer unregelmäßig flächigen, durchaus strukturierten diffusen Galaxie.
NGC 1502 (Cam), OC, 6m9, 3500 Lj, 230x
Auf der Suche nach NGC 1501 stieß ich erst einmal auf diesen hellen offenen Sternhaufen, ohne zu wissen, dass er sich als Ausläufer von Kembles Kaskade, einer Sternkette in der südwestlichen Giraffe, in der Nähe von NGC 1501 befindet. Der Haufen ist mir ins Auge gestochen, ich wusste sofort, dass muss ein offener Sternhaufen sein. Auffällig in ihm sind mehrere Paare von benachbarten Sternen, die parallel zueinander aufgereiht sind, inmitten von wenigen weiteren und weniger hellen Sternen. Ein schöner Haufen!
NGC 1501 (Cam), PN, 14m4, 4000 Lj, 340x
Nach dieser zufälligen Bekanntschaft habe ich südlich davon mein eigentliches Ziel, eine fast kreisförmig erscheinende Scheibe gefunden, die mir auch sofort ins Auge stach. Bei moderaten bis größeren Vergrößerungen ist immer der Zentralstern zu erblicken, der sehr schwach und indirekt aber heller wahrgenommen wird. Auf jeden Fall konnte ich den Zentralstern dauerhaft halten. Die Fläche des PN erscheint mit ruhigen Augen sturkturiert, die Schalenränder erscheinen etwas heller als die Fläche. Für dieses Objekt habe ich mir fast eine halbe Stunde Zeit genommen und mit mehreren Vergrößerungen gespielt. Leider konnte ich bei größeren Vergrößerungen auch keine kontrastreichere Struktur in der Fläche erkennen. Das war m.E. meine erste Beobachtung dieses Planetarischen Nebels.
NGC 2392 (Gem), PN, 10m5, 4500 Lj, 340x
Natürlich mache ich bei Beobachtungen im Frühjahr immer einen Abstecher zum Eskimonebel. Das letzte Mal hatte ich ihn bei einem gemeinsamen Spechteln in Bürg (19.3.2025) zusammen mit einigen von euch beobachtet. Wir hatten ausgiebig debattiert, wer das Gesicht des Eskimos sieht und welche Form es durch die Kapuze offenbart. Ich meine, damals in einigen Beobachtungsnächten danach auch eine Dreieckige From ausgemacht zu haben, die ich gestern jedoch nicht bestätigen konnte. Zumindest aber habe ich die Umrisse des Gesichts gesehen. Vielleicht hatte ich dem PN zu wenig Zeit gewidmet, vielleicht war das Seeing in diesen Minuten nicht optimal. Dennoch ein heller PN, wesentlich heller als NGC 1501.
NGC 2903 (Leo Major), Galaxie, 13m4, 30 Mio. Lj, 340x
Westlich des Kopfes des Großen Löwen ist die hellste Leo-Galaxie zu finden. Im Gegensatz zu NGC 2403 präsentiert sich mir hier eine längliche, ovale, flächige Galaxie mit stellarem, hellem Kern und abgegrenzterem Rand. Die Außenbereiche grenzen sich m.E. schärfer vom dunklen umgebenden Raum ab, während bei NGC 2403 sich die Ränder eher diffus im Raum auflösen. Ich meine auch an den Enden der Längsachse dieser Balkenspirale Wülste zu erkennen, die womöglich die kurzen Spiralarme ausmachen. Deutliche „Haken“ erkenne ich leider nicht. Im Nachhinein empfinde ich die Gegensätze, wie sich beide Galaxien NGC 2903 und 2403 im Vergleich präsentieren, sehr spannend.
Einige weitere ausgesuchte Beispiele wie die Galaxie NGC 2146 und das Galaxienpaar UGC 3697/3714 wollte ich nicht mehr aufsuchen, da
- meine Finger klamm und eiskalt geworden waren,
- trotz dreier Sockenpaare die Kälte in die Schuhe kroch,
- und die Objekte nicht einfach zu finden gewesen wären, weil die Giraffe ziemlich wenige Leitsterne besitzt, mit denen ein Aufsuchen einfacher und vor allem schneller passiert wäre.
Daher fasste ich schweren Herzens den Entschluss, abzubauen und nach Hause zu fahren. 45 Minuten habe ich ja immer vor mir, wenn ich die lange Strecke nach Bühlerzell auf mich nehme und die noch größeren, unendlichen Weiten des Weltraums absuche.