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Backnanger Sterngucker

lokal und weltweit gewebt

Erfahrungsberichte
Ein 100/700 Reiserefraktor
Bericht von Michael Altvater

Da die Wetterlage am 20. Februar 2004 tagsüber günstig war, haben wir uns zum Beobachten auf der Platte verabredet. Als ich gegen 22:00 Uhr eintraf, waren die anderen schon da und hatten ihre Fernrohre aufgebaut. Leider war das Seeing, zusammengefasst, lediglich mittelprächtig, gegen Mitternacht zog auch noch dünne, hochnebelartige Bewölkung auf.

Rudi Idler vom Fernrohrland hatte mir einen kleinen Refraktor 100 mm F7 aus chinesischer Produktion, der neu in seinem Sortiment eingetroffen war, zur Verfügung gestellt. Es handelte sich hierbei um einen zweilinsigen Achromaten mit einer „geheimen“ Rezeptur, was die Glasmischung der optischen Elemente anbelangt. Der Okularauszug ist für die Verwendung von 1,25-Zoll Okularen ausgerichtet, was mir und meinem bisher angeschafften Okularsortiment sehr entgegen kam.

Zum Lieferumfang des OTA gehört ein 7 x 50 Sucher mit geradem Einblick, ein 1,25-Zoll Zenitprisma und ein 25 mm Kellner Okular. Wie beschrieben wird das Fernrohr zum Preis von EUR 395,00 angeboten. Mit einer EM-4 Montierung ist es zum Setpreis von EUR 595,00 erhältlich. Das mitgeliefete Okular habe ich aus meinem Test ausgeklammert, da ich meine eigenen naturgemäß gut kenne und deren Leistung in Verbindung mit verschiedenen Fernrohren beurteilen kann. Das Testfernrohr war mit einer am Tubus festgeschraubten Prismenschiene ausgestattet, die es erlaubte, es auf meiner H-EQ5 Montierung aufzusatteln.

Da sich die Wetterbedingungen auf der Platte recht schnell verschlechterten, wurden die an diesem Abend erhaltenen Ergebnisse am 16. und am 17. März und an anderen Standorten noch einmal verifiziert. Damit konnte ganz nebenbei ein Eindruck über die üblichen Standortnachteile, mit denen wir Hobbyastronomen zu kämpfen haben, gewonnen werden. Auf der weitab gelegenenen Platte konnten trotz der mangelhaften Verhältnisse an Deepsky Objekten bessere Ergebnisse erzielt werden, als in Bürg, das wir am 16. März aufsuchten und das einer Stadtrandlage entsprach. Auch der Platz beim Hörschhof, den wir am 17. März aufsuchten, konnte an jenem Abend der Platte nicht das Wasser reichen, zumal an den hoch aufragenden Lichtkegeln der umliegenden Städte und Ortschaften leicht erkennbar war, dass die Luft an einem dieser ersten warmen Frühlingstage große Mengen an Feuchtigkeit gelöst hatte.

Für diesen Bericht verwendete ich die in der Übersicht aufgezählten Okulare, wobei das 7 mm und das 4 mm Ortho jeweils nicht aus meinem Besitz stammen. Der Okularauszug erlaubt es, das mit dem entsprechenden Gewinde für SC-Teleskope der bekannten Marken ausgestattete Zubehör zu verwenden. Mit einem 2-Zoll Zenitprisma und einem entsprechenden 2-Zoll Weitwinkelokular liesse sich die Lücke zwischen einem Feldstecher und einem Teleskop, was die Gesichtsfelder anbelangt, schließen. Leider standen mir diese Teile nicht zur Verfügung.

Okular Vergrößerung Gesichtsfeld
32 mm Parks Plössl 22-fache Vergrößerung 2° 20' Gesichtsfeld
24,5 mm Meade SWA 29-fache Vergrößerung 2° 18' Gesichtsfeld
14 mm Pentax XL 50-fache Vergrößerung 1° 20' Gesichtsfeld
9 mm Goldkante 78-fache Vergrößerung 50' Gesichtsfeld
7 mm Pentax XL 100-fache Vergrößerung 40' Gesichtsfeld
7 mm Ortho 100-fache Vergrößerung 25' Gesichtsfeld
5 mm Ortho 140-fache Vergrößerung 17' Gesichtsfeld
4 mm Ortho 175-fache Vergrößerung 14' Gesichtsfeld

Quer durch das Okularsortiment erzielte das Fernrohr eine saubere Abbildung. Sterne leuchteten bis zu etwa 80-facher Vergrößerung als feine Punkte aus dem Feld. Höhere Vergrößerungen zeigten blickweise das Airy-Scheibchen und den Ansatz von Beugungsringen, was auch hier für eine gute Abbildungsleistung spricht. Um diese endgültig zu beurteilen, wären aber noch bessere Bedingungen notwendig gewesen. Bei den im Vergleich zu Planeten in der Regel recht niedrigen Helligkeiten der Sternpünktchen störte der Farbfehler kaum. Im geringen bis mittleren Vergrößerungsbereich nahm ich mir einige bekannte Deepsky-Objekte vor.

Orionnebel M42: Selbst an den beiden schlechteren Standorten konnte der Orionnebel und die Ansätze seiner beiden Flügel bei kleiner Vergrößerung ausgezeichnet ausgemacht werden. Das Trapez strahlte deutlich aus dem umgebenden Nebel heraus. Der mittlere Vergrößerungsbereich erfreute mit kontrastreichen Strukturen im Zentrum des Nebels.

Praesepe M44: Ein Paradeobjekt für einen kurzen Refraktor, füllt dieser offenen Sternhaufen das Gesichtsfeld im 32 mm Okular gerade so aus. An allen drei Testabenden bot Praesepe mit vielen auffälligen Dreieckskonstellationen ähnlich heller Sterne innerhalb des Haufens einen beeindruckenden Anblick.

Plejaden: Hier macht sich der 1,25-Zoll Okularauszug bemerkbar, mit den vorhandenen Okularen war dieser Sternhaufen natürlich nicht mehr vollständig zu sehen. Der Einsatz eines 2-Zoll Weitwinkelokulares wäre hier lohnend. Trotzdem natürlich sehenswert, das Gesichtsfeld übersteigt auf alle Fälle dasjenige der meisten Newtons bei geringer Vergrößerung.

h+Chi: Beide Sternhaufen dieser Gruppe passten bei geringer Vergrößerung mit viel Luft drumrum ins Feld. Trotzdem erscheinen sie sehr gut aufgelöst. Mittlere Vergrößerungen hielt ich bei diesem Objekt für uninteressant, da diese lediglich den Gesamteindruck beeinträchtigt hätten.

Muscle Man: Dieses Sternhäufchen in der Cassiopeia stach mit seinen hellen „Augen“ und den ausgebreiteten Armen wie ein posierender Bodybuilder mit dem 14-er Pentax aus seiner Umgebung heraus. Eine besondere Herausforderung war das Objekt natürlich nicht, wir haben es uns lediglich nebenbei angeschaut.

M51: Bei diesem spektakulären Objekt musste ich es mir ganz besonders verkneifen, Details zu sehen, die zweifelsohne vorhanden, aber mit einem Fernrohr dieser Größe nicht sichtbar sind. Die Whirlpool-Galaxy zeigte sich mit dem 14-er Pentax bei 50-facher Vergrößerung und selbstkritischem Blick ohne Spiralarme und natürlich ohne die Brücke zu Ihrem Begleiter, dafür stachen die hellen Galaxienkerne deutlich vom dunklen Hintergrund ab.

NGC2903: Diese helle Galaxie im Löwen, ohne Messier-Nummer, war als strukturloses, längliches Objekt mit 50-facher Vergrößerung deutlich auszumachen. Die Helligkeit nahm fast kontinuierlich vom Kern zu den Rändern hin ab, die Galaxie verschmolz ganz allmählich an ihren Rändern mit dem Hintergrund.

M95, M96, NGC3628: Bei dieser Galaxiengruppe im Sternbild des Löwen konnten wir eindeutig den Unterschied zwischen einem schlechten und einem besseren Standort erkennen. Während auf der Platte trotz des aufkommenden Schleiers alle drei Galaxien deutlich ausgemacht werden konnten, war 3628 auf dem Hörschhof nicht aufzufinden.

M13, M3: Ein Versuch am sehr tief am Horizont stehenden großen Kugelsternhaufen im Herkules verlief enttäuschend, lediglich ein kleiner verwaschener Fleck war zu erkennen. Das darf hier natürlich nicht dem Teleskop angelastet werden. Auch der höher stehende M3 in den Jagdhunden konnte am Rand nicht eindeutig in Einzelsterne aufgelöst werden. Allerdings deutet eine leichte „Körnigkeit“ in den Außenbereichen darauf hin, dass es bei besserem Himmel klappen könnte.

An den drei Beobachtungsabenden herrschten recht unterschiedliche Seeingbedingungen. Auf der Platte war es nicht mal mittelmäßig, während an den beiden anderen Abenden günstigere Voraussetzungen gegeben waren. Am zweiten Abend in Bürg konnte man durchaus von einen guten Seeing sprechen. Da musste natürlich das Fernrohr seine Eigenschaften auch an den Planeten und mit höheren Vergrößerungen unter Beweis stellen. Verwendet hatte ich maximal das 5 mm Ortho-Okular und das 7 mm Pentax XL. Die erreichbare Höchstvergrößerung mit dem 4 mm Ortho ergab an allen Beobachtungsabenden keine Verbesserung.

Venus: Trotz des relativ hohen Standes der Venus am frühen Abendhimmel zeigte sich das bei diesem Planeten fast allgegenwärtige atmosphärische Spektrum. Zu diesem gesellte sich aber ein ausgeprägter Farbfehler. Der Planet schwebte praktisch in einem blauen „See“, der den dreifachen Durchmesser der Planetenscheibe selbst hatte. Der Einsatz eines Gelbfilters brachte zwar eine Verbesserung, als Newtonnutzer fand ich den Farbeindruck allerdings äußerst unnatürlich.

Saturn: Auch beim lichtschwächsten der Planeten, den ich beobachtet hatte, war der große blaue Fleck bei ansonsten guter Schärfeleistung deutlich zu erkennen. Am zweiten Abend in Bürg, bei recht gutem Seeing, war die Cassini-Teilung im Saturnring fast umlaufend zu beobachten. Der Schatten der Planetenscheibe auf dem Ringsystem war dunkel und scharf begrenzt. Die äquatornahe Kontrastgrenze in der Wolkenschicht war deutlich auszumachen, weitere Einzelheiten jedoch nicht.

Jupiter: Mit recht ordentlicher Kontrastleistung waren die Hauptbänder der Jupiterathmospäre zu erkennen, natürlich in einem gegenüber Saturn deutlich helleren blauen Fleck. Leider war keiner der Monde nahe genug an Jupiter dran, dass ich mir ein Bild darüber machen konnte, wie sie sich im blauen Fleck verhalten, was ja bei der Beobachtung von Bedeckungen oder Verfinsterungen durchaus relevant sein kann.

Fazit

Vorausschicken möchte ich, dass die erhaltenen Ergebnisse natürlich meinen persönlichen Geschmack widerspiegeln und sicher nicht den Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben. Dennoch haben auch andere Backnanger, wie Mike Tomitsch, der an allen drei Abenden mitbeobachtet hatte, sowie Uli Höhn an zwei Abenden und Gerd Huissel, der nur auf der Platte die Gelegenheit hatte, meine Eindrücke bestätigt. Die meiste Erfahrung haben wir übrigens alle mit Spiegelfernrohren gemacht.

Mit dem doch recht kräftigen Farbfehler macht das Fernrohr trotz der ansonsten guten Abbildung am Planeten mit hohen Vergrößerungen meines Erachtens wenig Sinn, das berüchtigte Universalfernrohr ist es auf alle Fälle nicht. Davon abgesehen bin ich dennoch über die Schärfe- und Kontrastleistung bei diesem Öffnungsverhältnis einigermaßen überrascht. Für Deepsky-Beobachtungen reicht die Öffnung nach meinem Geschmack nicht aus, da gibt es mit preisgünstigen Newtons bessere Lösungen. Aber als kompaktes Reisefernrohr findet es, dank der guten Abbildung, insbesondere bei niedrigen und mittleren Vergrößerungen, bestimmt Liebhaber.

© Backnanger Sterngucker 2002 - 2009