Zur Startseite

SoFi Türkei 2006

Reisen mit Freunden

Persönliche und visuelle
Eindrücke der Finsternis

Keiner von uns hatte bislang die Gelegenheit, den zweiten und dritten Kontakt einer Sonnenfinsternis selbst live zu erleben. 1999 reichte es wegen einer fetten Wolke nur zum ersten und vierten Kontakt. Vorgewarnt durch viele Berichte versuchten wir uns schon im Vorfeld auf das Ereignis einzustellen. Das gelang uns, wie fast allen Erstbeobachtern, natürlich nur teilweise. Unsere zum Teil sehr persönlichen Eindrücke möchten wir hier wiedergeben.

Mike Tomitsch

Nach dieser schrecklichen Wolke 1999 war den meisten von uns wohl klar, dass der zweite und dritte Kontakt "Live" woanders stattfindet. Recht bald begann die Planung für die Türkei 2006. Die Region Kappadokien schien ideal für eine Woche Kurzurlaub und nicht allzuweit entfernt bot sich eine Trockensteppe auf der Zentrallinie zur Beobachtung an. Termin und Ort standen somit fest, nun begann das Grübeln, mit welcher Ausrüstung stehe ich am Flughafen. Da ich mit der Fotografie eh nicht viel am Hut habe, fällt dieser Bereich schon aus. Kleines oder großes Gepäck? Es dauerte nicht lange, und die Erkenntnis lautete, wozu habe ich einen APO, wenn nicht für solch einen Event! Nach diversen Umbauarbeiten wegen des Packmaßes und einem neuen abschraubbarem Okularauszug stand ich nun mit etwa 32 kg Astro- und 8 kg Urlaubsgepäck am Flughafen.

Die 7-Tage-SOFI-Reise, gebucht bei South America Classic Tours, war bestens vorbereitet und perfekt organisiert. Ein Dank an Hartmut Nerlich und seine Frau Maristella, die das eine oder andere Mal an der Mentalität der türkischen Busfahrer fast verzweifelte. Der Kurzurlaub für sich genommen war einfach spitzenmäßig! Einerseits die Landschaft, Kultur, Natur und die Altertümer und dann noch mit der Truppe der Backnanger Sterngucker. Ob Deep-Sky Nächte, Grillabende, Stammtisch oder Ausflüge zu einer Astromesse, die Stimmung ist immer klasse. Da bleibt nur noch der Hauptakt der Sonnenfinsternis. Das Wetter hat Gott sei Dank mitgespielt und über das Ereignis findet man im Internet die tollsten Bilder und Berichte.

Der in sich selbst versunkene Beobachter in Erwartung des zweiten Kontaktes
Der in sich selbst versunkene
Beobachter in Erwartung
des zweiten Kontaktes

Kurz nach dem ersten Kontakt hatte ich die Gelegenheit, einen Blick durch unser PST zu werfen und mir einen Überblick über die zu erwartenden Protuberanzen zu verschaffen. Zum Glück steuerte der Mond mit dem zweiten Kontakt das in dieser Hinsicht aktivste Sonnenviertel an. Da ich mit der Baaderfolie vor dem Refraktor im sogenannten "Weißlicht" beobachte, sah ich genau in diesem Bereich die einzigen drei bis vier kleinen Sonnenflecken. Ich konnte es kaum noch erwarten, den Folienfilter herunter zu reissen.

Mein persönliches Highlight waren dann die ersten fünfzehn bis zwanzig Sekunden nach dem zweiten Kontakt. Und die Erkenntnis, daß sich allein dafür die Anschaffung des 105/650 TMB und des Großfeldbinos bezahlt gemacht haben, kam noch vor der Finsterniszigarre.

Als der Filter endlich fiel, mußte ich vor Begeisterung erstmal aufschreien. Wahnsinn, dann fehlten mir die Worte. Versunken im Stuhl, sah ich eine riesige Korona die mit feinsten Fäden durchzogen war, ähnlich dem eines Spinnennetzes! Und vor diesem gigantischen Hintergrund zwei große, eine mittlere und viele kleinere Protuberanzen, doppelt so groß, verglichen mit den besten Bildern, die ich bislang gesehen hatte. In einem zarten Rosa bis zu kräftigen Rottönenen mit feinsten Strukturen, die durch das Bino auch noch dreidimensional frei im Raum schwebten, das ist mit Worten kaum zu beschreiben.

Durch den weiter wandernden Mond brach nach den besagten etwa zwanzig Sekunden der Kontrast etwas ein, und geplättet machte ich Platz um noch anderen Sofi-Freaks einen Eindruck zu gewähren. Ich hoffe, dass dieses Bild in meiner Erinnerung noch lange nicht verblasst.

Gerd Huissel

Fasziniert sah ich zum ersten Mal die natürlichen Farben von Protuberanzen, weiss und rosa leuchtend wie ein Feuer, nicht im tiefen Rot eines H-Alpha Filters. Die Corona sah ich im Güloskop (FH 120/600) oval als sogenannte Minimumskorona etwa 1,5°hoch und über 2,5° breit. Ein toller Anblick waren die tausende von der Sonne ausgehenden Strahlen in der Corona, welche deutlich und sehr kontrastreich als feine Linien sichtbar hervortraten. Kein Foto wird diesen Anblick je wiedergeben können!

Dann gab ich mein Teleskop für andere Beobachter frei und betrachtete die Sofi mit blossem Auge. Überrraschend klein erschien mir der Mond inmitten der Korona, wie ein kleines ausgestanztes Loch in einem hellen Schein, der deutlich oval war.

Rundum am Horizont schien in einem Orange das Dämmerungsleuchten. Der Vulkan Hasan Dagi lag im fahlen Licht der Totalität. Mit meinem 10x50 Fernglas war freihand eine Sichtung der Linien nicht möglich, dafür konnte gegenüber dem blossen Auge Protuberanzen ausgemacht werden. Die tatsächlichen 3 Minuten 40 erlebte ich als gefühlte 2 Minuten, erst gegen Ende der Totalität war mein Teleskop für die letzten Sekunden wieder frei.

Micha Altvater

Zeichnung: Helle Chromosphäre
Zeichnung: Helle Chromosphäre

Als das Licht immer fahler wurde und der Schatten aus Südsüdwest auf uns zuraste, konnte ich mich kaum entscheiden, wo ich hinschauen sollte. Der Wunsch, den zweiten Kontakt direkt zu sehen, behielt die Oberhand. Alle Abbildungen, die ich bislang gesehen hatte, konnten mich mit ihrem vergleichsweise geringen Dynamikbereich nicht auf den tatsächlichen Anblick der dunklen Sonne vorbereiten. Völlig überrascht war ich von dem dünnen hellen Kreis der Chromosphäre am Umfang der Mondscheibe. Gleichzeitig konnte ich selbst feinste Ausläufer der Corona über etwa zwei Sonnendurchmesser Abstand von der Scheibe verfolgen. Die bedeckte Sonne erschien dunkler als die auch weitere Umgebung, wie ein Loch im Himmel.

Die Abbildung zeigt den Versuch, den Anblick nachträglich in einer Bleistiftzeichnung festzuhalten. Auf einem weißen Blatt Papier zeichnete ich einen Bleistiftkreis um eine Euromünze für die Chromosphäre. Die Münze ließ ich liegen und raspelte rund darum herum mit einer feinen Feile Graphitpulver vom Bleistift. Das Pulver verwischte ich mit dem Finger in Form etwa der Corona und scannte das Bild ein. Der Rest war ein wenig Bildbearbeitung. Das Bild ist, meinem visuellen Farbeindruck entsprechend, leicht blau eingefärbt. Als Illustration des Prinzips mag das genügen.

© Backnanger Sterngucker 2002 - 2009