







Schon am Abend des 28. März wurde die jeweilige Ausrüstung noch einmal einer Prüfung im Garten des Hotels unterzogen, bevor wir dann am Morgen des großen Tages, gestärkt durch ein gutes Frühstück, den Bus nach Sultanhani bestiegen. Wir fuhren wieder mit unserem alten Bekannten vom Transfer mit seinem leicht untermotorisierten Fahrzeug. Die Dreitagegäste fuhren in einem zweiten Bus, in Çavusin gesellte sich der Bus mit den Gästen aus dem Green Motel zu unserem Konvoy. Die Fahrt ging durch hügelige Landschaften, bis wir ab Aksaray die Ebene erreichten. Etwa eine halbe Stunde später erreichten wir unseren Beobachtungsplatz kurz vor Sultanhani.
Etwa 100 Personen mit jeweils mehr oder weniger Gepäck verteilten sich auf dem Gelände und bauten die mitgebrachten Instrumente auf. In unserer Ecke standen ein geliehener azimutal montierter 120/660 Richfield Refraktor, der 105/650 TMB von Mike Tomitsch auf parallaktischer Montierung, der ebenfalls parallaktisch montierte Vixen 80/910 von Erich, Micha Dorns kleine Russentonne auf Lidl-Montierung sowie das PST Clubfernrohr auf Fotostativ. Am wenigsten musste Jörgen aufbauen, da er sich mit einem mit Filtefolie bewehrtem Kleinfernglas ausschließlich auf das visuelle Beobachten konzentrierte.
Entsprechend der Lokalität hatte sich Gerd aus einer mit Rosen geschmückten runden Schachtel ein Folienfilter für den geliehenen Refraktor gebaut. Die türkische Entsprechung für Rose ist Gül, somit wurde Gerds Leihgerät das Güloskop genannt.
Mehmet vom Green Motel sorgte für das Catering und brachte Plastikstühle für alle Teilnehmer mit. Niemand musste sich die Füße in den Bauch stehen oder mit merkwürdigen Verrenkungen hinter sein Fernrohr klemmen. Noch kümmerte sich aber keiner um Getränke oder um eine Mahlzeit, es gab eben noch viel zu tun. Zum Beispiel stand der Eine oder Andere dem angereisten deutschen Fernsehteam Rede und Antwort. Zudem sind einige Personen mitgereist, für die eine Sonnenfinsternis und die Beobachtungstechnik völliges Neuland waren. Jenen wurde in der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit alles Notwendige erklärt.
Kurz vor dem ersten Kontakt wurde es auf dem Platz etwas ruhiger. Alle schauten aufmerksam in die Fernrohre, um den genauen Moment nicht zu verpassen. Natürlich waren die Leute mit den besseren Auflösungen im Vorteil. Aus dieser Ecke kam auch der erste Ausruf "Kontakt", der anschließend, nachdem ihn auch die Fernglasbeobachter bestätigen konnten, mit einem Efes gewürdigt wurde.
Micha Dorn hatte zu Hause noch einen Karton mit vielen Bohrlöchern, die den Schriftzug "SOFI 2006" ergaben, vorbereitet. Zusammen mit einem weißen Tuch nahm er nicht viel Platz in seinem Reisegepäck in Anspruch. Das Schattenbild des Kartons auf dem Tuch ergab eine Vielzahl von Sonnenbildern. Für den nicht eingeweihten Betrachter ist das immer wieder ein erstaunlicher Anblick.
Erich war meist nicht auf die mitgebrachten Stühle angewiesen, er legte sich, wie schon häufig bei anderen Gelegenheiten, einfach hinter sein Teleskop. Ein wegen der Stabilität nicht ausgefahrenes Stativ zwingt eben zu besonders ehrfürchtigem Umgang mit dem Teleskop.
Die Mitnahme unseres Coronado PST hat sich ebenflls gelohnt. Bereits vor dem zweiten Kontakt konnten die an jenem Tag sichtbaren Protueranzen im Hα-Licht lokalisiert werden.
Die Spannung stieg, als der zweite Kontakt näher rückte. Schon gut 20 Minuten vorher war es sinnvoll, sich einen Pullover überzuziehen, da die Temperatur merklich abfiel. In der Ebene konnten wir leicht den immer dunkler werdende Südwesthorizont beobachten. Der mit leichten Zirren versehene Himmel dunkelte in den letzten Sekunden vor dem zweiten Kontakt zu einem dunkelblauen Hintergrund des Schauspiels ab.
Und sie begannen urplötzlich, die kürzesten 3:42 Minuten, die wir jemals erlebt hatten. Es waren insgesamt höchstens gefühlte 1:30 Minuten. Kaum hatte sich der feurige Ring um die schwarze Sonne gebildet schauten wir nach Osten in Richtung des 3268m hohen Vulkankegels Hasan Daği, der sich noch kurz im Sonnenlicht befand. Vollständige 360° rund um den Horizont war der Himmel in orangerotes Dämmerungslicht getaucht.
Bislang konnte kein Foto den visuellen Anblick der schwarzen Sonne mit den feinen Helligkeitsabstufungen innerhalb der leuchtenden Korona widergeben. Sicher hat niemand, der "nur" mit seinen eigenen Augen geschaut hat, seine Entscheidung bereut.
Als sich die ersten Strahlen der Sonnenscheibe mit dem dritten Kontakt hinter dem Mond hervorschoben, machte sich ein klein wenig Ernüchterung breit. Der Haupteil des Spektakels war unwiderruflich vorbei. Die Fotografen ergänzten Ihre Serienaufnahmen mit Bildern der nun wieder breiter werdenden Sonnensichel, während die visuellen Beobachter in lauten Diskussionen ihre Begeisterung kund taten.
Mehmet und seine Helfer hatten inzwischen einen Imbiss vorbereitet, der sehr gerne angenommen wurde. Das Früstück war schon lange her und bis zum Abendessen würde noch viel Zeit verstreichen.
Mit Micha Dorn verließ der letzte von uns mit Koffer die ebene Steppe. Auf allgemeinen Wunsch und wenn wir schon mal in der Nähe waren besuchten wir im Anschluss noch die Karawanserei von Sultanhani.